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ELSE-FRENKEL-BRUNSWIK-INSTITUT für Demokratieforschung in Sachsen

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Projekt in Sachsen

Wurzen – Zivilgesellschaftlicher Aufbruch auf umstrittenem Terrain?

Das EFBI untersucht die Zivilgesellschaft in Wurzen. Foto: Holm_Klim_pixabay.com

Die Stadt Wurzen im Landkreis Leipzig hat als ein Zentrum der sächsischen Neonazi-Szene überregionale Bekanntheit erlangt. Doch Wurzen ist auch Ort eines lebendigen und vielfältigen bürgerschaftlichen Engagements. Mit qualitativer, sozialraumbezogener Sozialforschung ergründet ein EFBI-Team, welche Gruppen aktiv versuchen, die Zukunft der Stadt und die politische Kultur vor Ort zu prägen, mit welchen Schwierigkeiten sie sich konfrontiert sehen und was sie antidemokratischen Dynamiken entgegensetzen können.

Seit den 1990er Jahren hat eine gewaltbereite Neonazi-Szene Wurzen den Ruf als rechtsextremes Zentrum in Sachsen eingebracht. Von außen betrachtet entsteht der Eindruck, dass eine extreme Rechte in der nordsächsischen Stadt seit knapp 30 Jahren kontinuierlich und mit ernst zu nehmenden Ambitionen um die politische Hegemonie kämpfen. Ihre Strukturen und Netzwerke konnten über lange Zeit wachsen. Sie sind politisch, ökonomisch und kulturell fest im Sozialraum Wurzen verankert. Sie prägen diesen mit lokalen Geschäftsnetzwerken und subkulturellen Angeboten für Jugendliche und sind durch Parteienbündnisse auch im Stadtrat vertreten. Mit Übergriffen gegen Andersdenkende und Geflüchtete, aber auch breiteren Mobilisierungen zu Themen wie Migration oder Anti-Corona-Maßnahmen machen sie immer wieder Schlagzeilen.

Vielfältige zivilgesellschaftliche Gruppen sind in Wurzen aktiv

Dementgegen gibt es in Wurzen durchaus eine Reihe von Gruppen und Initiativen, die sich aktiv für das Zusammenleben in der Stadt engagieren. Sie reicht von Demokratieinitiativen und alternativ-politischen Zusammenschlüssen über Stadtentwicklungsinitiativen und Fachvernetzungen bis hin zu lokalgeschichtlich und kulturell engagierten Vereinen. In unserer Forschung nehmen wir diese zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteure in den Blick. Auf Grundlage von Gruppendiskussionen und Interviews sollen ihre Perspektiven auf die Stadt und ihr Engagement nachvollzogen, aber auch mögliche Schwierigkeiten und Widersprüche deutlich werden, welche die alltäglichen Erfahrungen prägen. Was bedeutet zivilgesellschaftliches Engagement auf einem Terrain, dass durch rechtsextreme Mobilisierung teilweise „vermint“ scheint? Wie prägt diese Erfahrung die Aktiven, wie gehen sie mit ihr um?

Die Zivilgesellschaft gilt seit der Wiedervereinigung als demokratiepolitische Hoffnungsträgerin in der Bundesrepublik. Sie soll gesellschaftliche Innovation vorantreiben und die Demokratie insbesondere gegen die Bedrohung durch rechts-autoritäre Bewegungen stärken. Diese politische Vision wird am Beispiel Wurzen untersucht, um Erkenntnisse zu gewinnen, die auch über den konkreten Fall hinaus die politische wie wissenschaftliche Debatte bereichern.

Darüber hinaus soll das Forschungsprojekt für die Aktiven vor Ort eine Reflexionsfläche bieten, welche die Dynamiken in der Stadt und die Erfahrungen der eigenen Praxis bewusstmachen kann. Ziel ist es daher auch, zur Stärkung der demokratischen Kultur in Wurzen beizutragen.