„Else Frenkel-Brunswik hat enormen institutionellen Gegenwind erhalten“

Anlässlich des 113. Geburtstag der Psychoanalytikerin spricht der Soziologe Andreas Kranebitter, der als geschäftsführender Leiter des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich ihren Nachlass verwaltet, über das Wirken von Institutsnamensgeberin Else Frenkel-Brunswik.

Else Frenkel wurde am 18. August 1908 in Lemberg, dem heutigen Lwiw (Ukraine), in eine jüdische Familie geboren, die unter anderem in Folge von antisemitischen Pogromen 1914 nach Wien übersiedelte, wo sie aufwuchs. Nach der Matura begann sie ein Studium der Mathematik und Physik und schloss bald ein Studium der Psychologie an. Anschließend war sie am Institut für Psychologie im Forschungsbereich „Autobiographische Forschung“ bei Charlotte und Karl Bühler als Assistentin beschäftigt. In dieser Zeit absolvierte sie zudem eine Weiterbildung zur Psychoanalytikerin.

Mit dem Beginn der Naziherrschaft in Österreich floh Else Frenkel 1938 in die USA und begann an der University of California in Berkeley ihre Tätigkeit als Senior Lecturer am Institute of Child Welfare sowie als wissenschaftliche Psychologin und Psychotherapeutin am Cowell Memorial Hospital. In den USA heiratete sie den ebenfalls aus Wien emigrierten Psychologen Egon Brunswik. Frenkel-Brunswik war maßgeblich an den ab 1944 in Berkeley durchgeführten „Studies in Prejudice“ beteiligt. Sie leitete neben dem Sozialphilosophen Theodor W. Adorno, dem Sozialpsychologen Nevitt Sanford und dem späteren Psychiater Daniel J. Levinson die Studien „The Authoritarian Personality“. Obwohl diese Studien ein Meilenstein der Forschung und bis heute für die Sozialforschung ein wichtiger Orientierungspunkt sind, blieben die bedeutsamen Beiträge Else Frenkel-Brunswiks, insbesondere ihre qualitative Forschung, weitgehend unbeachtet.

Mit der Benennung das Instituts nach Else Frenkel-Brunswik möchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am EFBI sowohl an ihre Autoritarismusforschung, als auch an eine kritisch informierte Sozialpsychologie anschließen. Am 18. August jährt sich der Geburtstag der Sozialpsychologin zum 113. Mal. Der österreichische Soziologe und Politikwissenschaftler Andreas Kranebitter beschäftigt sich schon lange mit dem Wirken und Leben von Else Frenkel-Brunswik.

Drei Fragen an...Andreas Kranebitter

EFBI: Warum ist Else Frenkel-Brunswik in Vergessenheit geraten?

Kranebitter: Schon zu Lebzeiten, das wird aus den Dokumenten in unserem Archiv deutlich, erhielt sie sowohl persönliche Anerkennung, als auch einen enormen institutionellen Gegenwind. An der Universität Wien gab es starke antisemitische Einstellungen und Netzwerke. Die Schwester von Frenkel-Brunswik berichtete Jahre später, dass Studenten sich beschwert hätten, man könne nicht Psychologie studieren, ohne bei der Jüdin Else Frenkel zu lernen. Auch in den USA war es nicht leicht für sie, Fuß zu fassen. In Berkeley durfte sie nur ohne Bezahlung lehren, ihre Stelle wurde wegen einer Nepotismus-Regel lange aus privaten Mitteln bezahlt. Max Horkheimer bevorzugte Sanford als Ansprechpartner in Berkeley. Bei der Arbeit „The Authoritarian Personality“ verdiente sie um ein Viertel weniger als ihre männlichen Ko-Autoren. Eine Professur bekam sie nie. Letztendlich scheiterte sie immer wieder an den Institutionen. Das zieht sich in der Rezeption ihrer Arbeit fort.

EFBI: Was können wir heute noch von Else Frenkel-Brunswik lernen?

Kranebitter: Ich denke, es ist kein Zufall, dass wir die Arbeit und Forschung von Frenkel-Brunswik heute wieder verstärkt rezipieren. Sie hat immer interdisziplinär gearbeitet, war nicht nur Psychologin oder Soziologin. Damals wurde dieser Ansatz eher skeptisch beäugt, heute ist das viel verbreiteter. Sie hat eben aus dem Kästchen rausgedacht.

EFBI: Frenkel-Brunswik hat das Konzept der Ambiguitätstoleranz entwickelt, welches die Fähigkeit beschreibt, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen. Welche Bedeutung spielt es in ihrer Arbeit?

Kranebitter: Das ist ein äußerst spannender Teil ihrer Forschung. In den 1940er Jahren, etwa zeitgleich mit ihrer Arbeit an den Studien zum autoritären Charakter, begann Else Frenkel-Brunswik eine Studienreihe mit vorurteilsbehafteten Kindern für das Institute of Child Welfare in Berkeley. Davon ausgehend, dass einige Menschen autoritäre Charakterzüge tragen, wollte sie erforschen, welche Rolle die Sozialisation dabei spielt und verschob das Terrain der Studie auf die „neutralere“ Ebene der Wahrnehmung. Sie zeigte Kindern beispielsweise eine Abfolge von Bildern, in denen aus einer Katze langsam ein Hund wird. Ihre Untersuchung zeigte, dass viele Kinder so lange wie möglich am Ursprungsbild festhielten, um dann, wenn es nicht mehr ging, vollkommen zu blockieren oder wild zu spekulieren. Rigidität und Chaos gehörten für sie als die zwei Seiten der Ambiguitätsintoleranz zusammen. Leider hat sie ihre Untersuchungen nie zur Gänze veröffentlicht. Dennoch hat sie mit der Ambiguitätstoleranz ein Konzept geprägt, das auch für die gegenwärtige Forschung ein wichtiges Werkzeug darstellt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Pia Siemer.

Zurück