OBS-Arbeitspapier 64: Arbeitswelt und Demokratie in Ostdeutschland – Erlebte Handlungsfähigkeit im Betrieb und (anti)demokratische Einstellungen

Das vom Else-Frenkel-Brunswik-Institut (EFBI) in Kooperation mit der Otto Brenner Stiftung (OBS) publizierte Arbeitspapier „Arbeitswelt und Demokratie in Ostdeutschland“ untersucht das Verhältnis zwischen Mitbestimmung am Arbeitsplatz und politischen Einstellungen. Die Studie belegt, dass positive erlebte Mitbestimmungserfahrungen im Betrieb demokratische Einstellungen verstärken und rechtsextreme Einstellungen verringern.

Das Forscherteam um Dr. Johannes Kiess am Else-Frenkel-Brunswik-Institut befragte für die Studie über 3000 Beschäftigte in Ostdeutschland zu ihren persönlichen Partizipationserfahrungen im Betrieb. Während weite Teile der Arbeitnehmerschaft in Ostdeutschland von positiven Erlebnissen in den Bereichen betrieblicher Partizipation und Arbeitsklima berichten, gibt rund ein Fünftel der Befragten auch an, dass es keine Möglichkeit sieht, durch eigenes Handeln betriebliche Strukturen zum Positiven zu verändern. „Diese Personen fühlen sich und ihre Anliegen also offenbar allgemein nicht berücksichtigt, was zu Frustration und Konfliktpotenzial führen kann“, konstatiert Studienleiter Kiess. Diese Ohnmachtsgefühle haben wiederum negativen Einfluss auf die Art und Weise, wie Arbeitnehmer Gesellschaft und Politik betrachten. Das Gefühl von Fremdbestimmung und Kontrollverlust im Alltag fördert die Zustimmung zu autoritären Einstellungen, während die durch betriebliche Mitbestimmung erhöhte Selbstwirksamkeit von Arbeitnehmern das Erleben von Demokratie positiv beeinflusst und das Bedürfnis, eine Fremdgruppe abzuwerten, hemmt. „Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass Erfahrungen demokratischer Handlungsfähigkeit am Arbeitsplatz ein Baustein sind, um demokratische Einstellungen zu fördern und autoritäre und rechtsextreme Ansichten zurückzudrängen“, so Co-Autor Andre Schmidt. Allerdings betont die Studie auch die Grenzen betrieblicher Erfahrungen. Autoritäre Veranlagungen bleiben der stärkste Einflussfaktor für rechtsextreme Einstellungen. Hinzu kommt: Wer diese von jung an erworben hat, nimmt Mitbestimmungsmöglichkeiten bei der Arbeit zudem seltener wahr.

Darüber hinaus beinhaltet die Studie weitere Erkenntnisse über die Arbeitswelt in Ostdeutschland. So geben 58% der Befragten an, bei Entscheidungen im Arbeitsalltag nicht übergangen zu werden, und zwei Drittel (67,8%) sind der Meinung, dass sich Probleme und Konflikte am besten gemeinsam mit Kollegen lösen lassen. Es zeigen sich Unterschiede zwischen den Ländern im Hinblick auf solche Partizipationserfahrungen. In Thüringen und Sachsen berichten die Befragten über weniger positive Erfahrungen als in den restlichen ostdeutschen Bundesländern. So erklären sächsische Arbeitnehmer signifikant seltener, dass sie im Betrieb offen über Gewerkschaften und Betriebsräte sprechen können, ohne Nachteile zu befürchten.  Bei Entscheidungen über die Gestaltung ihres Arbeitsalltags fühlen sie sich häufiger übergangen. „Jeder vierte ostdeutsche Arbeitsnehmer teilt die Erfahrung, Nachteile zu erhalten, wenn er im Betrieb über Gewerkschaften oder Betriebsräte spricht“, konstatiert Co-Autorin Sophie Bose. Sie hält dies für ein Defizit demokratischer Betriebskultur. Die Studie belege, dass gerade diese Institutionen das Erleben demokratischer Handlungsfähigkeit am Arbeitsplatz positiv beeinflussen.

In Anbetracht der Ergebnisse der Studie sieht OBS-Geschäftsführer Jupp Legrand diese auch als einen impliziten Appell an Gewerkschaften und Politik. „Eine Politik, die den Kampf gegen die extreme Rechte und für die Demokratie ernst nimmt, ist aufgefordert, den Ausbau der institutionellen Mitbestimmungsmöglichkeiten konkret zu fördern“, so Legrand. Aber auch in Kooperation mit der Justiz Praktiken entgegenzutreten, die, wie etwa das „Union Busting“, gewerkschaftliche Einflussnahme behindern. Auf Seiten von Gewerkschaften und Betriebsräten ist es wichtig, die formellen und institutionellen Handlungsräume in Gänze auszunutzen und diese Potenziale in reale Möglichkeiten zur betrieblichen Mitbestimmung umzusetzen. Johannes Kiess sieht die Verantwortung hier ebenfalls bei der Politik: "Es spricht vieles dafür, Gewerkschaften und institutionalisierte Formen der Mitbestimmung über Vergaberichtlinien oder die Erleichterung von Betriebsratsgründungen zu erleichtern."

Zur Studie: https://www.otto-brenner-stiftung.de/arbeitswelt-und-demokratie-in-ostdeutschland/

Über die Studie

Die Studie „Arbeitswelt und Demokratie in Ostdeutschland – Erlebte Handlungsfähigkeit im Betrieb und (anti)demokratische Einstellungen“ ist in Kooperation des Else-Frenkel-Brunswik-Instituts mit der Otto Brenner Stiftung entstanden. Die Studie ist eine Auskopplung einer allgemeinen Befragung zur politischen Einstellung der Ostdeutschen. Eine erste Auswertung erschien bereits im Juni 2023 als EFBI Policy Paper mit dem Titel „Autoritäre Dynamiken und die Unzufriedenheit mit der Demokratie“. Das Projekt wurde von Prof. Dr. Oliver Decker (Sigmund Freud Privatuniversität Berlin/Universität Leipzig) und Prof. Dr. Elmar Brähler (Universität Leipzig) geleitet. An der vorliegenden Studie wirkten außerdem Dr. Johannes Kiess, Alina Wesser-Saalfrank, Sophie Bose und Andre Schmidt mit.

Über das EFBI

Das an der Universität Leipzig angesiedelte Else-Frenkel-Brunswik-Institut (EFBI) bildet eine Forschungsinfrastruktur in Sachsen, die demokratiefeindliche Einstellungen, Strukturen und Bestrebungen erforscht und dokumentiert. Im Vordergrund stehen dabei verschiedene Formen der Diskriminierung, die Strategien und Dynamiken rechts-autoritär motivierter Bündnisse und die Stärkung demokratischer Politik.

Pressekontakt

Pia Siemer

Referentin für Wissenschaftskommunikation
Strohsackpassage
Nikolaistr. 6-10
04109 Leipzig

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E-Mail: pia.siemer@uni-leipzig.de

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